Schach ohne (Alters-)Grenzen

 

 

Wir schreiben die Zeit um das Jahr 1930. Die Gesellschaft ist patriarchalisch wie eh und je; das gilt für die Politik, für Kunst und Kultur, und auch für den Sport. Umso höher ist die Leistung derjenigen einzuschätzen, die in die sogenannten Männerdomänen eindrangen. Zu diesen „Eindringlingen“ gehörte Frau Liesel Scherr. Hierbei sollte aber gleich erwähnt werden, dass der Wormser Schachverein hier durchaus eine Vorbildrolle abgab, denn Frauen waren weit zahlreicher vertreten als in den allermeisten anderen Vereinen.

 

Geboren am 9. Juni 1907, kam Liesel Scherr Anfang der 30er Jahre in Kontakt mit dem Königlichen Spiel. Der Eintritt in den Wormser Schachverein – zusammen mit ihrem Mann Carus – ließ nicht lange auf sich warten, befördert durch den Vereinsvorsitzenden Lehrer Jakob Wilhelm König. Ihr schachliches Talent wurde schon bald entdeckt, und zwar von keinem geringeren als Dr. Ernst Bachl, der sie unter seine Fittiche nahm. So ist es nicht verwunderlich, dass erste Erfolge nicht lange auf sich warten ließen. In den damals als „Massenkämpfe“ bezeichneten Freundschaftsspielen  – die Zeitungssprache kannte zu dieser Zeit auch Begriffe wie „Schach-Heil“ – war Frau Scherr eine zuverlässige Punktesammlerin. In Simultanspielen gelang es weder dem amtierenden Deutschen Fernschachmeister Rogmann, noch Großmeister und WM-Kandidat Efim Bogoljubow, sie zu bezwingen! Der zweite Platz bei den Kreismeisterschaften 1935 war verbunden mit der erstmaligen Qualifikation für den Pfälzischen Schachkongress. Diesem Turnier sollte Frau Scherr vor allem in der Nachkriegszeit ihren Stempel aufdrücken. Da es noch keine eigenen Damenturniere gab, mischte sie vorläufig beim angeblich starken Geschlecht mit und lehrte die Herren ein ums andere Mal das Fürchten. So auch bei den Bezirksmeisterschaften 1937, wo sie mit 5/5 das Nebenturnier gewann. Bevor der Krieg den Schachsport vollständig zum Erliegen brachte, war in den Zeitungen noch von Freundschaftskämpfen zwischen „Groß-Worms“ und „Groß-Wiesbaden“ zu lesen, an denen Frau Scherr ebenfalls teilnahm.

 

Nach dem Krieg begann die Zeit der großen Erfolge, zunächst beim Omni-Sportverein FC Blau-Weiß, ab 1951 wieder im Wormser Schachverein. Im Jahre musste wiederum ein Weltklassespieler erkennen, dass Frau Scherr eine wahrlich schwer zu besiegende Gegnerin ist: der damals schon 85-jährige Jacques Mieses. 1953 – der Wormser Schachverein feierte sein 75-jähriges Bestehen – wurde beim Pfälzischen Schachkongress erstmals ein reines Damenturnier veranstaltet. Liesel Scherr musste sich hier noch mit dem zweiten Platz begnügen, hinter ihrer Clubkameradin Pia Kiefer. Mit der Frau des langjährigen WSV-Vorsitzenden Heinrich Kiefer verband sie eine lange Rivalität um die Vorherrschaft im Damenschach, aber auch – was viel wichtiger ist – eine gute Freundschaft. Bis zum Tode Pia Kiefers im Jahre 1979 reisten sie gemeinsam auf viele Turniere im In- und Ausland und waren außerdem Leistungsträger in der Mannschaft des SV Herrnsheim, wo sie zwischen 1958 und 1973 aktiv waren.

 

Im Jahre 1955 war es dann endlich soweit: Liesel Scherr wurde pfälzische Damenmeisterin! Bis zum Jahre 1973 sollte sie diesen Titel insgesamt elfmal (!) erringen, und zusätzlich noch eine Seniorenmeisterschaft 1972. Mit dem Pfalz-Meistertitel war auch immer die Qualifikation zur Deutschen Damen-Einzelmeisterschaft verbunden. Bei ihrer ersten Teilnahme belegte Liesel Scherr gleich einen ausgezeichneten siebten Platz. Die größten Erfolge ihrer Laufbahn folgten in den Jahren 1965 und 1979, als sie bei den Deutschen Meisterschaften in Oberndorf bzw. Wittlich jeweils den dritten Platz belegte. Unbestritten kann also gesagt werden, dass Liesel Scherr über viele Jahre hinweg zu den besten Deutschen Schachspielerinnen gehörte. Dies bekam auch der ehemalige Weltmeister Wasiliy Smyslow zu spüren, dem sie bei einer Simultanveranstaltung verdientermaßen ein Remis abknöpfte.

 

Zu den Erfolgen auf nationaler Ebene kamen auch solche im Ausland, beispielsweise beim Internationalen Damenturnier in Innsbruck 1977 oder bei den offenen österreichischen Damenmeister­schaften, wo sie mehrmals erfolgreich teilnahm. Bei einem dieser Turniere ist Frau Scherr seit 29 Jahren ununterbrochener Stammgast, bis auf den heutigen Tag.

 

Im Jahre 1979 veränderte sich die „Schachlandschaft“ in Rheinland-Pfalz entscheidend: Der Schachbund Rheinhessen wurde gegründet. Ein Jahr später wurden die ersten Einzelmeisterschaften ausgetragen, und Siegerin im Damenturnier war...... Liesel Scherr. Ebenfalls 1979 – immerhin im Alter von bereits 72 Jahren – absolvierte sie ihren letzten Mannschaftskampf in der ersten Mannschaft des Wormser Schachvereins.

 

Ende der 80er Jahre stecke der WSV in einer ernsten Krise, als deren Folge der neue Verein Schwarz-Weiß Worms entstand. Diesem schlossen sich u. a. Heinrich und Heinz Kiefer an, und 1990 auch Liesel Scherr. Bei der zweiten Auflage der dortigen Senioren-Vereinsmeisterschaft feierte sie 83-jährig (!) nochmals einen Turniersieg und war für acht Jahre eine zuverlässige Mann­schaftsspielerin. Dem Wormser Schachverein hat sie aber immer die Treue gehalten, war gern gesehener Gast bei Mitgliederversammlungen, Grillfesten und Weihnachtsfeiern.

Und nach dem Rückzug von Schwarz-Weiß Worms ist Liesel Scherr wieder als Spielerin für den Wormser Schachverein gemeldet, dem sie nun schon beinahe 75 Jahre angehört! Im Alter von 97 Jahren gab es sogar noch eine Premiere: Zum ersten Mal in ihrem Leben spielt sie in einer reinen Damenmannschaft, und zwar in der Regionalliga Südwest.

 

Angesichts einer solchen schachlichen Karriere sind Frau Scherr schon sehr viele Ehrungen zuteil geworden. Unter anderem zu nennen sind hier: Ehrennadel und Ehrenmitgliedschaft im Wormser Schachverein, Ehrenmitgliedschaft im Pfälzischen Schachbund, Ehrenteller des Schachbundes Rheinland-Pfalz usw. Vor allem ist die inzwischen älteste Schachspielerin in ganz Deutschland vielen Schachfreunden auch im weiten Umkreis ein Begriff.

 

Wenn man sie heute gelegentlich beim Spielabend sieht, wenn sie Schach mit Gegnern spielt, die ihre Enkel oder Urenkel sein könnten, wird deutlich, welche Freude ihr das Königliche Spiel auch heute noch bereitet. Zu ihrer unverändert großen geistigen Vitalität hat das Schachspiel sicherlich einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet.

Der Wormser Schachverein – und mit ihm sicher auch viele Schachfreunde in Nah und Fern – wünschen Liesel Scherr für die Zukunft vor allem Gesundheit, und wir verneigen uns in tiefer Ehrfurcht vor ihrer Lebensleistung!